Kultur am ÖG

Seit Mitte des schicksalsschweren Jahres 1995 ziert unsere Schule ein skandalträchtiges neues Kunstwerk. Was der unbedarfte Betrachter auf den ersten Blick für einen Hinkelstein oder ähnliches halten mag, enthüllt sich auf den zweiten Blick als das Ungeheuerliche.

Ja, meine Damen und Herren, Sie werden es nicht für möglich halten, aber das ÖG (Ökumenisches Gymnasium, Ökumene bedeutet übrigens...!), unsere Schule, ist zur Geburtsstätte einer neuen sexuellen Revolution geworden. Lassen Sie das einmal auf sich einwirken und denken Sie jetzt einmal darüber nach - auch wenn das ungewohnt ist.

Noch ist dieses Symbol einzigartig, doch schon bald wird ganz Oberneuland, ganz Bremen oder vielleicht - ich wage es gar nicht zu denken - "dieses unser Land" von flüchtig verfremdeten Phalloi übersät sein. Vielleicht denken immer noch einige vor so viel Schlechtem in der Welt die Augen verschließende Mitmenschen, dies alles sei eine Fehlinterpretation und das Ding vor "dieser unserer Schule" nichts weiter, als ein harmloser Abiturscherz, doch dann, meine Damen und Herren, bitte ich Sie doch einmal genauer hinzusehen - ja, treten Sie doch einmal ganz nah heran und sehen Sie selbst, was sich da unter der (zugegeben harmlosen) Aufschrift "Abi '95" verbirgt. Ja, Sie haben recht gesehen! Ja, sagen Sie es nur, bitte keine falsche Scham: "MH".

Für den unaufgeklärten Laien mag das allein noch nicht anstößig sein, doch wir haben den dringenden Verdacht (der uns von konspirativen Kreisen bestätigt wurde), daß sich hinter diesem Kürzel die Worte verbergen: "Macht's hier!". Und das, meine Damen und Herren ist doch nun wirklich eine Ungeheuerlichkeit und kann doch wohl nicht unbeantwortet bleiben! Und das am ÖG (Ökumenisches Gymnasium, Ökumene bedeutet übrigens...!)...

Neuerdings ist jener "Phallus" zum Träger weiterer "Kunstwerke" geworden. Hierbei läßt sich bemerken, daß das aufgesprühte Anarchie-Zeichen als der "Kunst" abträglich angesehen wurde und so am nächsten Tag der weißen Farbe zum Opfer fiel, während noch heuer das - zwar mißlungene - Hakenkreuz in ganzer Pracht zu bewundern ist... Merkt man an dieser Stelle an, daß beide "Verzierungen" des Phallus aus den Direktionsräumen unserer Schule gut sichtbar waren, so läßt sich eine bemerkenswerte und auch bedenkliche Inkonsequenz feststellen.

Diese Inkonsequenz findet dafür konsequent Einzug in viele Bereiche des kulturellen Lebens unserer Schule. Hierbei ist es nicht nur überraschend, daß es am ÖG noch andere Kultur gibt, sondern auch, daß diese sehr verschieden besucht und honoriert wird. So fanden sowohl die Tucholsky-Abende von zwei ehemaligen Schülern und Herrn Henning, als auch die Aufführung der absurden "Kurve" unseres Theaterkurses sehr wenig Anklang bei Schülern und noch weniger im Lehrerkollegium, während die ebenfalls vom Theaterkurs aufgeführte sitcomhafte Selbstdarstellung im "Breakfast Club" die Turnhalle fast zum bersten brachte.

Auch an diesem Beispiel läßt sich feststellen, daß verschiedene kulturelle Errungenschaften mit verschiedenen Maßstäben gemessen werden: Während die HEUREKA (ja, auch bei diesem Pamphlet handelt es sich um Kultur!) für so gefährliche Worte wie "hardcore" von der Schulleitung der Fäkalsprache gerügt wurde, bekamen die frühstückenden Clubmitglieder für eine Einführung in die Fäkalsprache von ebendieser Schulleitung Blumensträuße!

A propos Frühstück, auch das FM belästigt uns nun mit einem Stück "Kultur" anhand dessen man hervorragend so interessante Themen wie Vertikalstreifen, ÖG-Zeichen und Fernwirkung diskutieren kann, aber das ist noch ein ganz anderes Kapitel...


Vorige Mailt uns Nächste

ssp-web@earthlingsoft.net --- Heureka, vh/ssp