Meine Totenrede

Sehr geehrte Familie und Freunde!

Als erstes möchte ich mich für Euer, ich hoffe zahlreiches, Erscheinen bedanken. Wie Ihr wahrscheinlich wißt, kann ich der Veranstaltung nur indirekt beiwohnen und bitte Euch vielmals, das zu entschuldigen.

Zu Beginn möchte ich sagen, daß ich nichts mehr zu vererben habe, auch auf die Gefahr hin, daß mich so mancher am liebsten umbrächte. Ich habe es nicht für nötig befunden, in meinen letzten Tagen sparsam zu leben, sodaß Ihr, meine Lieben, sogar für mein Begräbnis aufkommen müßt. Allerdings habe ich daran gedacht, dieses so kostengünstig wie möglich zu gestalten, man will sich ja nicht unbeliebt machen. So habe ich beschlossen, mich einäschern zu lassen, um mich dann vielleicht das erste Mal in meinem Leben nützlich zu machen: Als Streugut für glatte Wintertage. Auf diese weise ist man nützlicher, als in einem dieser Erdmöbel auf einem geweihten und gemieteten Kubikmeter Erde.

Doch damit genug der Reststoffverwertung, wenden wir uns nun der Zukunft zu, welche wohl zwangsläufig ohne mich ablaufen wird. Sollte jemand auf die Idee kommen, um mich trauern zu müssen, so kann ich Euch versichern, daß mir das völlig egal ist. Das Leben geht weiter - oder auch nicht. Meiner Meinung nach braucht nicht getrauert zu werden. Das hilft einem selbst nicht weiter, und der Tote bedarf keiner Hilfe mehr. Er ist tot und es existiert nichts mehr von ihm, daß die Trauer wahrnehmen könnte. Somit könnt ihr meinetwegen anfangen, das bißchen Nachlaß, das noch geblieben ist auseinanderzufleddern. Werdet glücklich damit. Ich war es zu meiner Zeit auch.

Abschied nehmen, das ist das Anliegen solcher Verantstaltungen. Wenn man es sich jedoch recht überlegt, dann kann das doch nicht der Sinn sein. Wie kann man sich von jemandem verabschieden, der kalt, starr und zwangsläufig passiv in einer horrend teuren Holzkiste liegt? Hätte nicht das Leben mit ihm zusammen so gestaltet werden müssen, daß solch eine Art Abschied überflüssig wäre? Nun kann man natürlich auch plötzlich und überraschend sterben, jetzt in dem Moment, da ich diese Rede schreibe, kann ich das ja nicht wissen; wenn dieser Fall eingetreten sein sollte, ist es bedauerlich, aber unabänderlich...

Nun, ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen wollte, ist, daß wir uns endlich eingestehen müssen, daß diese Veranstaltungen etwas für die Lebenden sind. Wir müssen von Formulierungen, wie "ihm die letzte Ehre erweisen" und "wir nehmen von ihm Abschied" wegkommen. Vielmehr müßte es heißen: "wir erinnern uns an ihn".

Warum muß denn überhaupt getrauert werden? Wozu wurden dann Religionen erfunden, wenn sie die Hinterbliebenen nicht insofern trösten können, daß sie wissen, dem Verstorbenen geht es jetzt besser als vorher? Haben nicht viel eher die Atheisten Grund zu trauern, da sie wissen, daß mit dem Tod alles vorbei ist? Und ich selber kann beim besten Willen nichts negatives daran entdecken, daß alles vorbei ist. Da der Tod das Versagen sämtlicher Körperfunktionen ist, ist doch nichts zu befürchten. Das im Hinterkopf habend, sollte man sich eingestehen, daß man nicht um einen Toten trauert, sondern um das Loch, das dieser im eigenen Leben hinterläßt. Es ist letztendlich eine egoistische Gefühlsregung, Selbstmitleid genannt; doch das soll nicht negativ klingen. Ich will keinem das Recht darauf absprechen; ich habe das selber oft genug empfunden. Doch müssen solche Gefühle in einer verlogenen Zeremonie vertuscht werden?

Ich bin mir durchaus bewußt, daß ich von der Unsinnigkeit des Trauerns schreiben kann, bis ich tot umfalle, ich werde es dadurch nicht verhindern (Zumindest hoffe ich das). Deshalb mache ich von einer anderen Sitte gebrauch. Diese Sitte ist zwar ebenso unsinnig, wie das Brimborium um einen Verstorbennen, sie ist aber auch genauso wirkungsvoll. Ich meine den "Letzten Willen".

Warum wird er so geachtet? Jeder weiß doch, daß der Tote sich nicht mehr an der Einhaltung erfreuen kann.

Auf jeden Fall nutzte ich diesen Umstand, um auf diese Art und Weise einen fröhlichen Ablauf meines Begräbnisses zu garantieren. Ich bin tot; ich vermeide bewußt so scheußliche Euphemismen, wie "aus dem Leben geschieden" oder "von uns gegangen". Ich bestehe darauf, gestorben zu sein. Ich bin also tot und glücklich mit dem Gedanken daran. Feiert! Es gibt keinen Grund zur Trauer! Trauern wir denn das ganze Leben, nur weil wir uns bewußt sind, daß wir seit der Geburt nichts andres tun als sterben? Ist es nicht eigentlich ein fröhliches Ereignis, jenes Lebensziel, welches wir mit Sicherheit erreichen, endlich erlangt zu haben? Gratuliert mir zum erfolgreichen Abschluß meines Lebens und seid versichert, daß ich ruhig diesem Augenblick entgegengesehen habe, da ich nie an die Horrorvision der Reinkarnation glaubte.

Ich glaube jeder kennt das Gefühl übermüdet ins Bett zu fallen, langsam in den Schlaf zu sinken und sich zu wünschen, nie mehr aufstehen zu müssen. So stelle ich mir das Sterben vor. Und zwar nicht nur, wenn man friedlich einschläft, sondern auch bei einem gewaltsamen Tod. Wenn der Schmerz überwunden ist, stößt das Gehirn erwiesenermaßen "Endorphine" aus, die dem Sterbenden ein letztes Hochgefühl bescheren. Das erklärt die dubiosen, religiös interpretierten, Berichte klinisch Toter, die wiederbelebt wurden. Kann das der Anfang von etwas Schlechtem sein?

Endorphin ist ein körpereigenes Opiat, welches auch bei Extremsportlern bekannt ist. Dieser Stoff treibt sie dazu ihren oft gefährlichen Sport weiter zu betreiben. Wenn andere nach einer angenehmen Begleiterscheinung gieren, warum also noch vorm dem Tod Angst haben? Kann nicht des Menschen Sucht nach Rausch eine versteckte Todessehnsucht sein?

Auch wenn ich so gegen Trauerfeiern sprach, so hoffe ich dennoch, daß einige diese Rede bis zum Ende verfolgt haben, denn trotz meiner Aversion gegen solche Veranstaltungen, habe ich mir Mühe gegeben. Und hiermit entlasse ich die Lebenden zurück in die Realität.

Danke.


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