Meinung

Ansichten eines carnivoren Fumeurs

So, jetzt wird's persönlich, sozusagen Polit-Polemiker-persönlich. Viele Menschen haben ein Problem mit mir; ich habe aber auch mit vielen Menschen Probleme. Nun, was war zuerst da, der Mensch oder das Problem? Diese Fragestellung vor Augen will ich Dir, geneigter Leser, die Gründe meiner Verhaltensstörung im Umgang mit gewissen Menschenschlägen darlegen.

Auch ich muß mich dem Platzmangel (Wir haben die Seitenzahl schon erhöht!) dieser Zeitung beugen und breite hier nur meine Erlebnisse mit der Gruppe der Antis, also den Mitmenschen, welche sich einer Lebensweise verschrieben haben, die irgendetwas Schönes ausspart, aus.

Als erstes wären da die Vegetarier (Mit Veganern halte ich mich gar nicht erst auf, die leben nicht lange genug, um mich zu stören): Hier handelt es sich eigentlich immer um Frauen, die aus überzogener Tierliebe (Wendy-Generation) oder aus der einundsiebzigsten Brigitte-Diät heraus beschlossen haben, kein Fleisch mehr zu essen (Oscar Krause, Biggi, oder weil es chic war, ja, ja.). Ständig trumpfen sie mit der Begründung auf, daß das gesünder sei: "Rinderwahn und Schweinepest, auf daß ihr freßt und vergeßt" etc. pp. Als ob gespritztes Obst und radioaktives Gemüse soviel gesünder sind.

Genau hier beginnt dann auch das Problem, denn unsere kleinen Grasfresser legen einen derartig widerwärtigen Bekehrungsdrang an den Tag, daß sie Tiertransporte und Massenschlachtungen zum Gesprächsthema eines (semicarnialen) Abendessens machen. Wenn man das erste Mal mit einer Vegetarierin Essen geht, läuft die Situation immer gleich ab: Sie studiert lange und ausgiebig die Speisekarte, so als bestünde für sie wirklich die Möglichkeit sich aus dem Fisch- und Fleischsortiment etwas auszuwählen und sich nicht (wie immer) auf die drei Salatvorspeisen und Gemüsematsch mit Tofu zu beschränken, um dann gefragt zu werden "Na, was nimmmst Du?"- "Ich nehme einen Salat, sofern sie hier kaltgepresstes Olivenöl haben, und die vegetarische Gemüseplatte."- "Ja, wirst Du denn davon satt?" - Und das ist ihr großer Moment; darauf hat sie schon seit der ersten Begegnung gewartet: "Natürlich, das ist lecker und gesund. Ich esse nie Fleisch." - Und wenn man dann nicht rechtzeitig fragt: "Bist Du Vegetarier?" , dann sagt sie: "Ich bin nämlich Vegetarierin!"; und wenn sie das Datum noch nicht auswendig weiß, sucht sie es in ihrem Notizheft: "Ich habe seit dem soundsovielten soundsovielten darauf mit Leichtigkeit verzichtet." Der Abend ist gelaufen, wenn man es nicht "auch mal probiert" und sie zufriedenstellt, indem man holländische Cellulose mit wenig Geschmack bestellt. Das Pfeffersteak, mit dem man liebäugelte, vergißt man lieber ganz schnell, denn wenn sie sagt: "Aber Du kannst ruhig Fleisch essen, das stört mich überhaupt nicht", dann ist das die wahrscheinlich größte Lüge der Welt. Ist das Fleisch auf dem Tisch, entscheidet das Schicksal zwischen Skylla und Charybdis: Ist sie noch nicht lange eine Wiederkäuerin, schlingt sie ihr Grünzeug herunter, um mit den Worten: "Naja vielleicht ja doch einmal...", die in Schmatzen untergehen, Deine Gabel zu ergreifen und ein riesiges Stück Steak zu verspeisen. Später macht sie Dir Vorwürfe, Du hättest sie provoziert und genötigt und deshalb könne man Dir nicht vertrauen.

Charybdis ist eine alte Mümmelhäsin und durch nichts zu erschüttern. Doch auch in diesem Fall hast Du Dein Steak nicht für Dich allein, denn ihre Augen kleben darauf. Wäre das Tier nicht tot, dann stürbe es in diesem Augenblick. Kaum ist serviert, flötet sie ein überlegen wirkendes "Naja, dann guten Appetit!" und verzieht die ganze Zeit teils genießerisch (beim Zerkauen eines Tofubrockens), teils angewidert (wenn sie auf das Steak blickt) das Gesicht. Ihr Blick soll Dir entweder sagen: "Du Mörder!" oder "Warum tust Du Dir das an?" Nachdem Du bei ihr noch unter dem Einfluß von Reformhauskeksen und Lindenblütentee über den Wert des Lebens diskutiert hast, sagt sie Dir, daß sie Dich nicht wiedersehen kann, da man zu verschieden sei.

Gruppe Nummer zwei entsagt dem blauen Dunst, was empirisch betrachtet sehr weise ist, da sie so schwere Erkrankungen vermeiden und mundgeruchsfrei züngeln können. Jedoch ist auch leider in diesem Lebensbereich eine Welle des Selbstbewußtseins aus den USA herrübergeschwappt, die den friedfertigen Nichtraucher Europas in ein zigarettenmordendes Ungeheuer verwandelte. Was in New York längst Realität ist, soll jetzt in Berlin und Paris auch Einzug halten: Nichtraucherrestaurants, Verbot jeglicher Zigarettenwerbung, Verbot des Rauchens in öffentlichen Gebäuden, auf Gehwegen, und in den eigenen vier Wänden solle es nur erlaubt sein, wenn keine Kinder anwesend sind und man selbst über einundzwanzig Jahre alt ist. Die niedlichen Nichtraucherinnen von früher sind verschwunden, die einem flirtend das (...) Feuerzeug ausbliesen und die Zigaretten versteckten. Heute wird man angegiftet, auf das grausamste Zeichen der Welt (roter Kreis mit Längsbalken und brennender Zigarette darin) aufmerksam gemacht und wie ein räudiger Hund des Raumes verwiesen. Wer nicht raucht, lebt länger, naja, jedenfalls kommt ihm sein Leben länger vor. Wer noch nie Lust auf eine Zigarette hatte, hat noch nie richtig genossen: nach einem schönen Essen, nach einem mitreißenden Theater- oder Konzertbesuch, bei einem guten Buch oder Film und definitiv nach einem orgiastischen Liebesakt darf die Zigarette nicht fehlen.

Keiner fragt mich, ob ich mich durch die verbissenen, lustlosen Gesichter der Nichtraucher gestört fühle. Dieses Passivnichtrauchen schlägt mir sehr auf die Psyche, gefährdet also meine Gesundheit. Es lebe der Rauch! Liberté toujours!

Inhalt Zurück Nächste


jean