Musik

Hommage an die Scheibe

Ich gestehe (ganz leise): Ich bin konservativ. Das fängt bei der Rechtschreibreform an und hört bei Schallplatten auf, worauf ich in diesem Artikel zu sprechen kommen möchte.

Ungefähr 1987 war es wohl, als die CD aus keinem Musikladen mehr wegzudenken war und auch ich zu Weihnachten ein entsprechendes Abspielgerät bekam. Meine erste selbstgekaufte CD war Herbert Grönemeyers Bochum; begeistert von den neuen technischen Möglichkeiten, wie Titelsprung und Memoryfunktion, hörte ich mir die Stücke wieder und wieder an. Ich kaufte mir weitere CDs, was ich heute mehr als bereue, und spielte sie stolz meinen Freunden vor, die teilweise noch nicht in den Genuß eines eigenen CD-Players gekommen waren. Doch nachdem die CD ihren Siegeszug durch alle Läden und Zimmer fortgesetzt hatte, fing ich an, mich für andere Musik zu interessieren: Die Beatles, Simon and Garfunkel und die ganze Musik meiner Eltern übte auf mich einen nie gekannten Reiz aus. Ich stellte fest, daß das vor allem daran lag, daß es diese Musik im Hause Hirsch-Hoffmann nur auf Vinyl gab. Auf einer Fête fiel mir auf, daß Flugzeuge im Bauch sich viel besser anhörte, als bei mir zuhaus, was daran lag, daß Bastian das Lied nur auf Platte (!) hatte. Fast schämte ich mich: "Man weiß doch, daß die CD der klangliche Höhepunkt (Ich finde die Formulierung toll) unserer Zeit ist, und Du Banause lauschst lieber diesen unhandlichen Platten?" Ja, mir fehlte das Knistern, das leichte Rauschen; später erfuhr ich, daß das analoge System wesentlich mehr Klanginformation transportieren, man nur zwei Lieder in Vinylqualität auf eine CD bekommen könne, ich also kein Banause, sondern geradezu ein romantischer Audiophiler war. Dieses neue Selbstvertrauen löste allerdings nicht das Beschaffungsproblem, denn die Schallplatte verschwand aus den Läden, was mich da und dort dazu zwang, mir nach verzweifelter Suche das Gewünschte doch auf CD zu kaufen. Ungefähr seit 1994 weigerten sich die guten Bands allerdings, ihre Werke nur auf CD/MC zu veröffentlichen, und brachten die Firmen dazu, wenigstens limitierte Auflagen zu pressen. Independence und alternative Musik (im allerweitesten Sinne) gefällt mir vielleicht nur deshalb so gut, weil ich sie von der geliebten schwarzen Scheibe hören kann; wer weiß, wie ich die Backstreet Boys fände, wären sie nicht nur in Digitalqualität zu hören?

Erstaunlicherweise gibt es wieder Plattenläden, denn diese limitierten Auflagen fanden so reißenden Absatz, daß sie erhöht wurden. Labels, die die Aufgabe übernahmen, Platten bekannter und unbekannter Interpreten zu drucken, machten Wahnsinnseinnahmen. Es gab also noch mehr Menschen, die sich nicht vorschreiben lassen wollten, was besser klingt!

Endlich braucht man sich nicht mehr rückständig zu fühlen, wenn man sagt: "Das kann ich Dir natürlich leihen, wenn Du einen Schallplattenspieler hast!"

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jean